Christian der Erste

Darf man eigentlich jetzt schon nach dem politischen Erbe Christian Wulffs fragen? Immerhin ist der Mann noch jung. Dass es öffentlich aktuell nicht oder kaum getan wird, verhindert allein der Hype, der momentan um seinen designierten Nachfolger gemacht wird.

Welche Projekte übergibt er also an Joachim Gauck? Was hat er als Ministerpräsident seinem Nachfolger David McAllister und seinem Land Niedersachsen hinterlassen? Wo verlaufen die großen Linien seiner Politik, was sind die zentralen Themen seines Wirkens?

Natürlich darf man diese Fragen schon stellen, denn ein Comeback in der deutschen Politik dürfte als ehemaliger Bundespräsident wohl ausgeschlossen sein. Und dabei spielt der wenig elegante Abgang überhaupt gar keine Rolle mehr. Was sollte nach dem höchsten Staatsamt auch noch kommen?

Man muss die Frage nach dem politischen Vermächtnis Christian Wulffs aber gar nicht erst stellen. Denn was in den Köpfen bleibt ist der traurige Schlussakt seiner Laufbahn. Fragt man in zwanzig Jahren nach seinem Namen, werden „Vorteilsnahme“ und „Staatsanwaltschaft“ mit Sicherheit die Liste der genannten Schlagwörter anführen. Vielleicht auch „Mailbox“ oder „Emir“. Dann, erst dann werden seine Bemühungen in Sachen Integration und seine Verdienste für das Land Niedersachsen folgen.

Das Glück eines Helmut Kohl, dessen Verdienste um die Deutsche Einheit und die Einführung des Euro inzwischen wieder die schwarzen Kassen und sein Verhalten in der entsprechenden Debatte überlagern, wird er nicht haben. Dafür fehlt die historische Tragweite.

Dennoch wird Christian Wulff zweifelsfrei in die Geschichte eingehen. Und zwar als „Christian der Erste“. Als der erste Bundespräsident, der von der Staatsanwaltschaft förmlich aus dem Amt getragen werden musste.

Ist deshalb nun Mitleid angebracht? Mitnichten! Sowohl Anfang als auch Ende dieser sogenannten Kreditaffäre – wobei es sich ja mehr um eine Aneinanderreihung von Affären handelte – hatte er selbst in der Hand. Es ist ein selbst verschuldetes politisches Elend, in das er sich auch noch selbst hinein gestürzt hat. Dabei hatte Christian Wulff alle Möglichkeiten, souverän und kraftvoll zu agieren und die Angelegenheit zu beenden, bevor sie angefangen hatte. Die Beschränkung auf watteweiche Reaktionen auf immer neue Vorwürfe war seine eigene Wahl.

Die Leidenschaft für Politik kann ihm sicher niemand absprechen, aber das Augenmaß hat bei mindestens dieser einen Entscheidung gefehlt. Wenn man es rein strategisch betrachtet! Denn moralisch betrachtet hat das Augenmaß für den rechten Weg in zahlreichen weiteren Momenten seiner Laufbahn gefehlt! Kreditgeschäfte, Urlaubsreisen, Telefonanrufe…

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